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Balladen-Abend in Schwabbrucker Dorfbücherei

Novembrigkeit war angesagt. Draußen, längst hatte sich der Tag vor der Dunkelheit zurückgezogen, drinnen modulierte die Stimme des Vortragenden literarische Nebelschleier, ließ still erschaudern.

 

„Dem Vater grauset`s, er reitet geschwind,

Er hält in den Armen das ächzende Kind,

Erreicht den Hof mit Müh und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.“

 

Goethe, Johann Wolfgang von, die letzten Zeilen seines ‚Erlkönig’ - wer kennt sie nicht. Dieter Führer, der Schongauer, zu Gast in der Dorfbücherei Schwabbruck, mit diesem Standardwerk der literarischen Unterhaltung hatte er seinen ‚Balladen-Abend’ eröffnet. Nicht jedoch ohne vorher seinen Zuhörern die Sonderheiten der deutschen Ballade zu erläutern: „Die Ballade, ohne die zu ihrem Vortrag gehörige Lautmalerei, das geht nicht.“

 

 

Der Stuhl, auf dem der Vortragende saß, es war der letzte der im Raum noch verfügbar war. Doch Dieter Führer, hatte er vorher noch am Tisch gesessen, frei rezitierend oder, den „güldenen“ Kneifer auf der Nase, aus mitgebrachten Werken „lesend“, jetzt brauchte er Freiraum - für sich, für seine Gitarre. Saß wohl auf dem Stuhl, doch auf dessen Lehne - und sang. Sang und spielte Franz Josef Degenhardt ‚Pete’, eine moderne Ballade, entstanden in den Zeiten der „Revolution der 68-er“ des vorigen Jahrhunderts.

 

Dieter Führer, von seiner Schwabbrucker Fan-Gemeinde, aufgrund seines unvergessenen Märchenabends im vergangenen Jahr, als ‚der Herr der Märchen’ benannt, er brachte eineinhalb Stunden lang ein breitgefächertes Programm.

Variierte mit Persiflagen den ‚Erlkönig’, „aus „des Volkes Mund“, Verfasser unbekannt,

führte zurück zu den Ursprüngen, zu Gottfried August Bürger und seiner ‚Lenore’, „der Urmutter aller Balladen“. Und nahm seine Zuhörer mit durch die Jahrhunderte: Goethe, Schiller, Adalbert von Chamisso, Annette von Droste-Hülshoff, Erich Kästner, Tucholsky, manch andere mehr.

 

Auch vergaß er die Mundart nicht. Aber als er im Wechsel mit Thorsten Hantke, dem Unbekannten, doch wohnhaft zu Schwabbruck, in sein westfälisches Platt verfiel und vom anderen Ende des Raumes sein Partner im tiefsten Hamburger Platt (-Deutsch) dagegenhielt, da mag wohl so mancher den Wohlklang des Vortrags dieser beiden genossen haben, doch verstanden, verstanden … Nun, so manches gewiß, doch alles? Nein, alles ganz gewiß nicht.

 

War aber auch nicht notwendig, an diesem Abend in der Dorfbücherei eines kleinen Ortes, ganz am Ostrand des Allgäus. Ein Abend mit ‚Kleinkunst auf der Provinz’?

Nein, so nicht, so ganz gewiß nicht.

Es war ein wundervoller Abend, ein ganz großer in einer kleinen Dorfbücherei und wer die glühende Begeisterung auf den Gesichtern der Heimkehrenden erlebt hätte,

der wäre selbst auch gerne dabei gewesen. Ganz gewiß.

jt