Romanik an der Via Claudia: Ein Streifzug
durch die Geschichte von Altenstadt


Altenstadt, die einstige mittelalterliche Stadt Schongau, liegt im Westen des Landkreises Weilheim-Schongau, der bei der Gebietsreform 1972 neu gebildet wurde, und zugleich auch im Westen der von Kirchen und Klosterbauten geprägten Kulturlandschaft Pfaffenwinkel.


Die Siedlungs- und Ortsgeschichte von Altenstadt reicht weit zurück. Funde aus der Bronze- und Urnenfelderzeit um 1300 bis 700 vor Christus begründen diese Aussage. Ebenso ist die Anwesenheit der Römer vom ersten bis vierten Jahrhundert nach Christi durch Funde belegt. Dazu zählen das Bruchstück einer Tegula, eine Sichel sowie eine Messing- und zwei Bronzemünzen. Dabei handelt es sich zum einen um eine gallische Kolonialmünze „Augustus und Agrippa“, die in die Zeit zwischen 1 und 14 nach Christi zu datieren ist, sowie um eine Kaiser-Nero-Münze, die aus der Zeit von 54 bis 68 nach Christi stammt.


Der ehemals befestigte Burglachberg hat wegen topographischer Gründe und wegen der Nähe zur östlich vorbeiführenden Heer- und Handelsstraße Via Claudia, die in den Jahren 46 und 47 nach Christus erbaut und ausgebaut wurde, während der Römerzeit und auch noch im Mittelalter eine wichtige Funktion eingenommen.


Die Münzfunde aus der Zeit bis ins Jahr 68 nach Christi lassen auf eine römische Niederlassung in Altenstadt schließen. Die Jahrhunderte, die auf das Ende der Römerzeit folgen, gelten auch in Altenstadt als dunkles Zeitalter. Erst ab dem 9. Jahrhundert sind wieder Zeugnisse für die historische Entwicklung nachzuweisen.


Erstmals wird der Ortsname
„Scongoe“ (Schongau) erwähnt

Mit der Fortsetzung der Welfenherrschaft im Ammergau und am Lechrain durch Herzog Welf IV. (jüngere Welfen) bekam die markante Siedlung am kleinen Schönachfluss zur Mitte des 11. Jahrhunderts den Namen Schongau, der auf den Schönachgau zurückgeht. Erstmals wird Altschongau in einer Aufzeichnung im Traditionenbuch des Klosters Benediktbeuern zwischen 1070 und 1080 als „Scongoe“ erwähnt. Ein Eintrag zur Schenkung der Andechser Grafen über Leibeigene nennt einen „Huc de Scongoe“ als Zeugen dieses Rechtsgeschäfts. Es ist davon auszugehen, dass dieser Ministeriale (Vermögensverwalter) des Welfen war.


Unter dem Schutz der Welfen – Altenstadt war Eigengut dieses Geschlechts – , aber auch als Raststation für Heeresabteilungen sowie als Stapel- und Umschlagplatz für Warenzüge gewann der unmittelbar an der Via Claudia zentral gelegene, aufstrebende Ort an Bedeutung und Wohlstand.


Im 12. Jahrhundert, während der Herrschaft von Herzog Welf VI., muss Altschongau – durchaus vergleichbar mit dem Verlauf einer Stadtwerdung  - eine wirtschaftliche und religiöse Blütezeit erlebt haben. Daran erinnern heutzutage nach mehr als acht Jahrhunderten die um 1150 entstandene romanische ehemalige St. Lorenzkirche (seit 1812 ein bäuerliches Wohnhaus) und die im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts offensichtlich als Stadtkirche errichtete alpenländisch-romanische St. Michaelsbasilika.

Beide Gotteshäuser wurden über Grundmauern von jeweils zwei Vorgängerkirchen erbaut, die durch Grabungsfunde nachgewiesen sind. Die Herkunft des Materials für die Basilika aus dem Tuffsteinvorkommen im fünf Kilometer entfernten Schwabsoien ist erwiesen. Bei dem für St. Lorenz ist es naheliegend.


Die Basilika als
Verhandlungsort

Weitreichende Bedeutung gewann die Basilika im 13. Jahrhundert als Verhandlungsort, um kirchliche Streitigkeiten beizulegen. Nach einer Urkunde aus dem Jahr 1253 wurde der Zehentstreit zwischen dem Pfarrer von St. Lorenz und dem Kloster Rottenbuch hier entschieden. Des Weiteren ist auch der Streit um die Zugehörigkeit der Kirche von Böbing – Gegner waren die Klöster in Rottenbuch und Steingaden – in Altenstadt verhandelt worden. Beide Bauwerke, St. Lorenz und St. Michael, sind steinerne Wahrzeichen der Gemeinde Altenstadt und der Pfarrei.


Mit der Gründung der neuen Stadt Schongau durch die Staufer Anfang des 13. Jahrhunderts auf dem nahen einstigen Lechumlaufberg begann die rund 600 Jahre währende gemeinsame Geschichte von Altenstadt und Schongau. Diese endete mit dem Gemeindeedikt vom 17. Mai 1818, mit dem Altenstadt als politische Gemeinde wieder selbstständig wurde.


Der Templerorden, der im Jahr 1119 in Jerusalem zur Verteidigung der heiligen Stätten gegründet wurde, besaß in Alt-Schongau und in umliegenden Ortschaften zwölf Höfe und zwei Waldungen. Diese wurden laut Urkunde am 7. Dezember 1289 an das Prämonstratenserkloster Steingaden verkauft. In der gleichen Urkunde werden ein Hof und eine halbe Hube im Gebiet der alten Stadt Schongau, also auf Altenstadter Flur, genannt.


Das Stadtrecht der neuen Stadt Schongau von 1346 erwähnt die Rechte der „Altenstädter“. Mit dem Wachsen der neuen Stadt und dem wirtschaftlichen Aufstieg verlor die alte Stadt mehr und mehr an Bedeutung und Einfluss. Fortan konnte sie nur als Stadtteil und als Pfarrdorf weiter bestehen. An die Glanzzeiten der alten Stadt erinnerten nur noch die St. Lorenzkirche und die Basilika, die längere Zeit als gemeinsame Pfarrkirche für das alte und das neue Schongau diente. In einer Urkunde aus dem Jahre 1406 wird schon der Ortsname Altenstadt genannt.


Gemeinde wird
zum Garnisionsort

Ein weiter Sprung ins 20. Jahrhundert: Altenstadt war 1937 ein Ort mit 537 Einwohnern und mit typisch dörflichem Charakter, weithin bekannt durch die romanische St. Michaelsbasilika. Mit dem Bau der militärischen Anlagen für die Flakartillerieschule IV und mit dem dazu gehörenden Flugplatz Schongau-Altenstadt wurde die Gemeinde Garnisionsort und verlor im Lauf der vergangenen Jahrzehnte das dörfliche Erscheinungsbild.


Die militärischen Gebäude, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs teilweise leer standen, boten mittelständischen Betrieben die Möglichkeit, sich in Altenstadt anzusiedeln. Um 1950 entstand eine Vielzahl an Arbeitsplätzen, hauptsächlich in der Wirkwaren- und Strumpfindustrie. Die Einwohnerzahl nahm rasch zu. Viele Heimatvertriebenen aus den früheren Produktionsorten im Sudetenland und Flüchtlinge aus Schlesien fanden einen Arbeitsplatz. Einher ging damit das Schaffen von zusätzlichem Wohnraum.


Mit dem Beschluss aus dem Jahr 1955, die Bundeswehr zu gründen, wurde Altenstadt ab 1956 Standort und Heimat der Luftlande- und Lufttransportschule (LL/LTS). Dort werden Soldaten aus der Bundeswehr, aus dem Bereich der NATO und aus anderen Staaten ausgebildet. Mehr als 60 Jahre gibt es inzwischen das Miteinander von zivilen und militärischen Belangen. Seit 2014 ist die Franz-Josef-Strauß-Kaserne auch der Standort für das neu aufgestellte Ausbildungsbataillon 3 für Feldwebel- und Unteroffiziersanwärter. Im Januar 2016 wurde die ehemalige LL/LTS im Zuge der Bundeswehrreform in den Ausbildungsstützpunkt Luftlande/Lufttransport überführt. 


Fünf Gemeinden in
der VG Altenstadt

Bei der Gemeindereform im Jahr 1978 wurde das früher eigenständige Schwabniederhofen eingemeindet. Gleichzeitig entstand auch die Verwaltungsgemeinschaft Altenstadt; ihr gehören die fünf Gemeinden Hohenfurch, Ingenried, Schwabbruck, Schwabsoien und Altenstadt an. Die Gemeinde Altenstadt hat gut 3200 Einwohner (Stand Ende 2015). Seit dem Jahr 2000 ist Altenstadt Mitglied im Regionalverbund Auerbergland. Diesem gehören 15 Gemeinden mit ungefähr 25 000 Einwohnern an.


Die landschaftliche Lage im Voralpenland, die Nähe zu einer Vielfalt an Sehenswürdigkeiten und zu kulturellen Angeboten sowie verschiedene Möglichkeiten einer sinnvollen Freizeitgestaltung, verbunden mit dem Arbeitsplatzangebot im Mittelzentrum Schongau/Peiting/Altenstadt, machen die Gemeinde zu einem Ort, in dem es sich gut leben lässt.      Konrad Socher

Quellen:
Stuhlfauth, Adam: Peiting-Schongau (Altenstadt) unter den Welfen (1050 bis 1200)
Tietze Wilfried: Grabungsberichte an das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München
Ganslmeier, Dr. Robert: Im Schatten der romanischen St. Michaelsbasilika. Archäologische Ausgrabungen des Jahres 2001 in Altenstadt (Lkrs. Weilheim-Schongau) als Beitrag zur welfisch-staufischen Stadtgründung

Nach oben

 


Mittelständiges Lappenbeil aus der Bronzezeit.
 
Gallische Kolonialmünze "Augustus und Agrippa", datiert auf die Jahre 1 bis 14 nach Christi.
 
Via Claudia-Denkmal. Errichtung und Ausbau der Via Claudia ...
... erfolgten unter Kaiser Claudius 46/47 nach Christus.
Die ehemalige St. Lorenzkirche aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts. Die Aufnahme ist aus dem Jahr 1877.
 
Die drei Apsiden der Basilika; Herzog Welf VI. ist mit großer Wahrscheinlichkeit der Erbauer der Basilika.
 
Eichenholzscheibe vom Balkenfund im vermuteten Reichshofgelände (gegenüber dem Rathaus); Fälldatum laut Untersuchung um 1190.
Piccolo-Münze Friedrich II. aus dem 12. bzw. 13. Jahrhundert, ebenfalls vom Reichshofgelände, geprägt in Verona.
 
Altenstadt im 13. Jhd. Rekonstruktion (Ansicht vom Burglachberg Richtung Peiting) - eine Studie von Dr. Robert Ganselmeier.